Logopädische Praxis - Schönstraße 5-7, 13086 Berlin-Weißensee
Telefon: 030 / 99 270 888
home
[home] [Sprach- und Sprechstörungen] [Stimmstörungen] [Schluckstörungen] [Fehlhörigkeit] [Reflexe] [Aphasie] [LRS]
Sprachstörungen bei Kindern
1. Lautbildungsstörungen

Lauterwerb des Kindes

Der Erwerb des Lautsystems bei Kindern verläuft in etwa wie folgt:
    · 1,0 bis 1,5 Jahre . . . breite Palette an Lauten,
    · 1,5 bis 2,0 Jahre . . . m b p n (Bsp.: „Mama“)
    · 2,0 bis 2,5 Jahre . . . w f t d
    · 2,5 bis 3,0 Jahre . . . k g ch r
    · 3,0 bis 4,0 Jahre . . . schwere Lautverbindungen, wie: kn bl gr
    · 4,0 bis 5,0 Jahre . . . alle Laute (bis auf einige Zischlaute)
    · bis 6,0 Jahre . . . alle Laute sind korrekt erworben
Was sind eigentlich Lautbildungsstörungen?

Bekannte Begriffe für die Beschreibung von Lautbildungsstörungen sind auch Aussprachestörung, Artikulationsstörung, Lauterwerbsstörung, phonetische oder phonologische Störung oder Dyslalie.

Lautbildungsstörungen unterteilt man üblicherweise in: phonetische Störung und phonologische Störung. Kinder mit phonetischen Störung, also einer Artikulationsstörung, bilden einzelne Laute nicht korrekt. Ein Beispiel hierfür ist die sogenannte Zischlautstörung. So werden oft Laute wie /sch/ oder /s/ fehlgebildet. Es handelt sich hier um eine - vom üblichen Artikulationsmuster abweichende - Bewegungsausführung von Mund, Lippen oder Zunge. Folglich kann der Laut nicht altersentsprechend gebildet
werden.

Was erfolgt in der logopädischen Therapie?

Die Behandlung sollte früh beginnen und spätestens bis zur Einschulung abgeschlossen sein, damit etwaige Schwierigkeiten in der Schule vermieden werden können. In der klassischen Artikulationstherapie wird der Fokus auf die korrekte Bildung des Einzellauts gelegt. Bevor ein fehlgebildeter Laut korrigiert wird, erfolgt meistens die Schärfung der Wahrnehmung von Stellungen und Bewegungen der Artikulationsorgane, also der Lippen, der Zunge und ggf. auch der Zähne, und die Übung mundmotorischer Fähigkeiten, beispielsweise die Kräftigung der Zunge. Das Kind muß lernen, den fehlgebildeten Laut vom Ziellaut zu unterscheiden. Folglich muß mit ihm die Hör-Wahrnehmung geschult werden.

Bei einem Kind mit einer phonologischen Störung ist die Lautbildung aus Sicht des korrekten Bewegungsablaufs durchaus gegeben. Vielmehr kommt es hier zu sogenannten Vereinfachungen in der Sprachproduktion, die sich bspw. als Ersetzungen äußern: das Kind spricht Tatze statt Katze, Dummibärchen statt Gummibärchen oder Atte statt Affe. Das Kind verändert oft Lauteigenschaften hinsichtlich der Artikulationsart oder des Artikulationsortes.

Die Störung kann ebenso auch zu Auslassungen, Hinzufügungen oder Umstellungen von Lauten im Wort führen: Spiel wird zu piel, Kran wird zu an, Banane wird zu nane).

Fast alle Kinder mit diesem Störungsbild weisen in der Sprachentwicklung Vereinfachungen auf. Sollten diese länger andauern, unausbalanciert oder nicht entwicklungstypisch sein oder sollte eine ganze Lautgruppe durch nur einen bestimmt Laut ersetzt werden (etwa Ersetzung vonf, s, w, sch, r durch h), so spricht ein Logopäde von einer phonologischen Lautbildungsstörung. Diese Störungen können in einer Logopädischen Praxis festgestellt und behandelt werden.

Was geschieht in der logopädischen Therapie?

Das Ziel des phonologischen Therapieansatzes liegt darin, dem betroffenen Kind die bedeutungsunterscheidenden Funktionen von Lauten bewusst zu machen. Hierbei steht nicht ein einzelner Laut im Vordergrund, sondern eine ganze Lautgruppe. Je nach phonologischem Prozess des Kindes, werden die Lauteigenschaften erarbeitet und in bestimmten Handlungsrahmen verdeutlicht. Die Förderung der Hör-Wahrnehmung und der Fähigkeit, Lautstrukturen der Sprache zu erkennen, ist von großer Bedeutung und kann therapeutisch durchaus beeinflusst werden.

In unserer logopädischen Praxis werden Therapieprogramme zur Behandlung phonologischer Störungen bei Kindern ab etwa 4 Jahren angewandt.

 
2. Wortschatzdefizit

Sprachliche Entwicklung des Kindes verläuft normalerweise wie folgt:
    · 9 Monate . . . sagt: „Mama“, „Papa“
     
    · 12 Monate . . . zwei bis drei deutliche Worte, Inhalte der ersten Wörter sind auf direkt wahrnehmbare Phänomene aus der Erfahrungswelt des
                 Kindes ausgerichtet, Übergeneralisierungen (Bsp.: alle Männer heißen „Papa“)
     
    · 18 Monate . . . erste 20 bis 50 Wörter, Wortschatzspurt setzt ein, benennt einige Objekte, Zweiwortsätze („Mama Ball“)
     
    · 2 Jahre . . . Anwachsen des Wortschatzes auf ca. 300 Wörter Drei-, bis Vierwortsätze, wiederholt Worte
     
    · 3 Jahre . . . Anwachsen des Wortschatzes auf über 500 bis 1.000 Wörter Mehrwortsätze, beginnt Unterhaltung
     
    · 4 Jahre . . . etwa 2.000 Wörter, wiederholt Fragen, benutzt beschreibende Worte
     
    · 5 Jahre . . . etwa 2.500 Wörter, Schildert zurückliegende Ereignisse in der richtigen Reihenfolge
     
    · 6 Jahre . . . quantitativer Zuwachs auf bis zu ca. 5.000 bis 14.000 produktiver Wörter Erschließung von Sinnbereichen

Was ist ein Wortschatzdefizit?

Es handelt sich um eine Sprachstörung, die durch einen eingeschränkten Wortschatz (wobei sowohl das Verstehen von Wörtern, als auch das aktive Sprechen von Wörtern kann betroffen sein), Wortspeicher- und Wortabrufproblemen gekennzeichnet ist.
Im Vorschulalter macht sich diese Störung durch Probleme bei der Produktion von Erzählstrukturen, durch ein geringen Verbwortschatz, häufige Umschreibungen oder das Benutzen von Gesten während des Benennens oder Beschreibens von Objekten bemerkbar.

Was erfolgt in der logopädischen Therapie?

Ziel einer logopädischen Therapie ist die Wortschatzerweiterung durch das Erleben und Erlernen neuer Begriffe und die Wortschatzstrukturierung durch das Erfahren von Zusammenhängen zwischen den Begriffen. Hierbei ist es wichtig, die neuen Begriffe nicht durch Auswendiglernen und Abfragen wie Vokabeln einzuprägen, sondern das Lernen und Speichern von erlebten und gehörten Begriffen als Lernprinzip zu erarbeiten. Es werden Themen gewählt, welche das Kind emotional ansprechen, denn auf diese Weise ist die Möglichkeit der Speicherung und des vermehrten Abrufes am höchsten.


3. Dysgrammatismus

Der Grammatikerwerb des Kindes verläuft in etwa wie folgt
    · 1,5 bis 2,0
      · Zwei- und Mehrwortäußerungen, wobei die Wortstellung meistens noch beliebig ist
      · Verb-Endstellung unflektiert („Ball haben“)
      · erste Kasusansätze treten beim Genitiv auf („Mama Hut“)
      · Fragesätze durch Intonation oder Fragepronomen („Wo Ball“)
      · erste Versuche im Bereich Verbbeugung
       
    · 2,0 bis 2,6
      · zunehmend Mehrwortäußerungen (3 Wörter pro Äußerung)
      · beginnende Verb-Zweistellung („Ich habe …“)
      · erste flexible Satzmuster
      · Endung für die erste Person Singular wird verwendet
       
    · ab 3,0
      · vollständiger Erwerb der Verb- Zweitstellungen, verbunden mit Subjekt- Verb- Kongruenz und dem finiten Verb („Du hast Hunger.“)
      · Fragen durch Subjekt-Verb-Inversion („Hast du Hunger?“)
      · Fortschritte in der Kasusentwicklung durch korrekten Gebrauch der Artikel und Präpositionen (über, unter, auf etc.)
      · Weiterentwickung der Möglichkeiten von Verneinungen
       
    · ab 3,6
      · Satzbau wird komplexer durch den Gebrauch von bei- und untergeordneten Konjunktionen (und, aber etc.) zur Satzverknüpfung (Erwerb des Nebensatzes)
      · korrekte Stellung des finiten Verbs in Haupt- und Nebensätzen
      · Erwerb der W-Pronomen (wer, was, wie …)
      · Kasussystem erweitert sich (Akkusativ und Dativ)
      · korrekte Verwendung von Negationselementen in Haupt- und Nebensätzen
      · Abschluss des Erwerbs der Mehrzahlbildung

Was ist ein Dysgrammatismus?

Die wichtigsten grammatischen Regeln der deutschen Sprache sind bereits im Alter von drei Jahren erworben. Eine Störung im regelrechten Grammatikerwerb kann sich durch verschiedene Hinweise bemerkbar machen. Hier einige Beispiele:
      · Kinder bleiben lange in der Ein- Wortphase
      · Verben werden nicht oder fehlerhaft gebeugt
      · es werden keine oder fehlerhafte Artikel verwendet
      · Probleme in der Mehrzahlbildung
      · Probleme in der Kasus- und Genusmarkierung
      · Auslassung von wichtigen Elementen eines Satzes
      · starre oder einfache Satzstrukturen
      · Wortstellungsfehler (z. B. Nachstellung von Subjekten, falsche Positionierung von Fragepronomen oder Verneinungen, Verb-Endstellung)
Was erfolgt in der logopädischen Therapie?

Je nach Erscheinungsbild der Symptome und Entwicklungsstand des Kindes werden die Therapieziele entsprechend festgelegt. Hierfür ist die Erstellung einer Spontansprachanalyse und deren Auswertung notwendig. Die Orientierung richtet sich nach den oben beschriebenen Spracherwerbsphasen nach H. Clahsen.
In der Therapie wird eine grammatikalische Struktur gewählt, die in der nächsten Entwicklungsstufe des Kindes liegt. Das Prinzip ist die Dynamisierung und Flexibilisierung der zum Stillstand gekommenen Teilentwicklungen syntaktischer und morphologischer Systeme. Altersgemäße Strukturen sprachlicher Äußerungen sollen erarbeitet werden und es gilt, das Prinzip der Grammatik zu erkennen und zu verstehen.
 
Anika Giermann, Logoreflex GmbH
 
unter Verwendung folgender Quellen:
  • Gerhard Böhme: Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen, Band 1- Klinik,Urban & Fischer
  • Tanja Jahn: Phonologische Störungen bei Kindern,herausgegeben von L. Springer und D. Schrey- Dern, Thieme Verlag
  • W. Brügge, K. Mohs: Therapie der Sprachentwicklungsverzögerung, Ernst Reinhardt Verlag München Basel